Ursula Nuber: Lass die Kindheit hinter Dir. Das Leben endlich selbst gestalten.

Estmals 2009 erschienen, ich besitze die 2. Auflage von 2012. Dies nur als Bemerkung, weil ich des öfteren Bücher aus dem Schrank ziehe, bei denen ich mich nicht genau erinnere, bei welchem Streifzug durch die Buchhandlung ich sie mitgenommen habe :-D.

Zwar richtet sich das Buch nicht explizit an Depressive, sondern vielmehr an alle Menschen, die sich damit beschäftigen, einen Umgang mit ihrer unglücklichen Kindheit zu finden. D.h. es geht um den „Einfluss der frühen Jahre“, „Was Sie als Kind gebraucht hätten“, „Lebnsmuster“, „Die Vergangenheit akzeptieren“, „Den Botschaften der Vergangenheit die Macht nehmen“ usw.

Da ich mich therapiebedingt bereits länger mit Kindheit und meinem „inneren Kind“ befasse, war für mich vieles nicht neu, fiel aber darum auf fruchtbaren Boden. Wie das Buch auf jemanden wirken mag, der erst am Anfang seiner Beschäftigung mit Kindheit und Eltern steht, der die Muster seines Lebens noch nicht kennt, und sich fragt, warum er so unglücklich ist, kann ich nicht sagen. Ich denke, dass es in diesem Fall den Eindruck erwecken kann, als wären die Ratschläge der Autorin „zu einfach“.

Mich persölich nerven auch die Referenzen (Studien, Fallgeschichten) immer ziemlich, ich weiß aber, dass manche das schätzen.

Auf jeden Fall ein lesbares, hilfreiches Buch für Menschen, die sich Hilfe bei der Beschäftigung mit dem Einfluss ihrer Kindheit erhoffen. Als Einstieg in die Materie sicher weniger geeignet.

Auch wenn die Autorin Depressionen nicht explizit in den Mittelpunkt des Buches steht, denke ich doch, dass die beschriebenen Probelme besonders auf Depressive zutreffen. Insofern halte ich es schon für relevante Lektüre.

 

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Ainsley Johnstone, Matthew Johnstone: Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Ich fand es immer schwer, anderen Menschen zu erklären, wie sich die Depression anfühlt. Wie sich mein Erleben verändert. Und ganz besonders, was ich mir von ihnen wünschen würde.

„Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren“ ist eine gute Grundlage, dem eigenen Umfeld eine Hilfestellung an die Hand zu geben.

Es ist so etwas wie ein Bilderbuch zur Depression – die von Winston Churchill als „Schwarzer Hund“ bezeichnet wurde.

Matthew Johnstone litt an einer Depression, seine Frau Ainsley war bei der Bewältigung eine Stütze. Seine Erfahrungen beschrieb Matthew im Buch „Mein schwarzer Hund: Wie ich meine Depression an die Leine legte“

Ich weiss nicht, warum ich das Buch für die Angehörigen besitze und nicht das für die Betroffenen. Ich habe es seinerzeit gekauft, als Geschenk verpacken lassen und in meinen Nothilfekoffer gelegt. Vielleicht war ich beim Kauf gerade in einer schweren Phase und unkonzentriert. Vielleicht war auch dieses Buch vorrätig und das andere nicht.

Ich würde es auf jeden Fall empfehlen für alle Menschen, denen es daran liegt, ein Grundverständnis für die Depression zu bekommen, ohne selbst betroffen zu sein. Die wesentlichen Aspekte sind kurz geschildert und mit einem eindringlichen Bild versehen für jeden verständlich. Ich würde sogar sagen, dass größere Kinder von diesem Buch profitieren können, wenn z.B. ein Elternteil an einer Depression leidet.

Klare Empfehlung für dieses Buch.

Frederic F. Flach: Depressionen als Lebenschance. Seelische Krisen und wie man sie nutzt.

Spoiler Alert: Der Titel ist Humbug.

Ich habe eine Ausgabe von 2000, die ich mir vor etwa zehn Jahren angeschafft aber nie wirklich gelesen habe.

Der Autor ist (war) Professor der Psychiatrie und Psychiater. Die erste amerikanische Auflage stammt aus 1974.

Man erfährt einiges über die Entstehung von Depressionen (die Flach in akute und chronische unterscheidet) als „normale“ Reaktion auf belastende Umstände und als krisenhaftes Zeichen dafür, dass man sich in einer sogenannten „Lebensfalle“ befindet.

Wie in allen us-amerikanischen Büchern gibt es immer wieder kurze Patientengeschichten in anonymisierter Form, die in dieser deutschen Übersetzung dann liebevoll den hiesigen Verhältnissen angepasst werden (Johanna, Alfred, Harald, Susanne – meine besonderen Lieblinge waren das Ehepaar aus dem Ruhrgebiet (!) und jenes, das ins Allgäu (!) zog). Mich stören diese Stories sehr, aber manche Leser/innen mögen das wohl.

Aus meiner Sicht ist Flachs Sicht der Depression ziemlich unscharf, nicht nur, weil (auf deutsch) oft von „deprimiert“ die Rede ist, sondern weil vieles, was er bereits als Depression begreift, eher eine Trauer- und Verlustreaktion auf konkrete Erlebnisse bezeichnet.

Auf jeden Fall ist das Buch eine Mogelpackung – zugegebenermaßen habe ich nur Kapitel 1-6 und Kapitel 19 gelesen, den Rest nur kursorisch:
Wie man seelische Krisen nutzt, wird überhaupt nicht angesprochen. Sehr allgemein werden eher philosophische Sichten auf Leben und Leiden erörtert, aber was den Unterschied macht zwischen Menschen, die ihr Leiden verarbeiten können, und solchen, die mit schweren Depressionen darauf reagieren, wird nicht deutlich. Konkrete Handlungsansätze werden nicht aufgezeigt. Man kann einiges über die eigenen Reaktionen durch die Lektüre lernen, sich vielleicht auch einige unbequeme Fragen stellen – aber das ist für ein Buch, dass eine „Lebenschance“ verspricht (englisch: The Secret Strength of Depression“) in jedem Fall zu wenig.

Abgesehen davon ist der angloamerikanische Schreibstil in diesem Fall sehr sperrig. Es mag an dem altmodischen Deutsch der Übersetzung liegen, an den fehlenden Untergliederungen oder eben den eher allgemeinen Betrachtungen.

Mein Urteil: entbehrlich.

Josef Giger-Bütler: Endlich frei. Schritte aus der Depression.

Endlich habe ich das Buch beenden können. Ich konnte immer nur ein paar Seiten lesen, weil es mir so nahe ging.

Ich habe erst ab Kapitel 5 gelesen, weil ich ja die Analyse der Ursachen der Depression aus „Sie haben es doch gut gemeint“ kannte.

Der Stil des Autoren ist manchmal mühselig, weil er so auf Wiederholungen ausgelegt ist. Das ist Teil des Konzeptes, denn weil es sich an depressive Menschen richtet, soll die stete Wiederholung die Sensibilisierung erhöhen und das Verstehen für das eigenen Leid.

Langsamkeit. Annehmen. Verstehen. Kleine Schritte, und auch die nur, wenn es sich richtig anfühlt.

„Was will ich? Will ich das wirklich? Will ich das jetzt?“

Das sind kurz gesagt die zentralen Ansätze, die Giger-Bütler nennt, um Schritte aus der Depression zu unternehmen. Er weiss aber auch, dass gerade dies für einen depressiven Menschen fast unmöglich ist, der doch darauf trainiert ist, zu funktionieren, fremde Bedürfnisse zu erfüllen und seine eigenen nicht zu spüren.

Ich habe so viele der Sätze als wahr für mich erkannt, dass ich mir vorkomme wie die Depressive aus dem Lehrbuch.

Es ist sehr schwer, anzunehmen, dass der Weg so mühselig und schwer ist, dass Rückschläge drohen, dass auch freunde und Familie diesen Weg nicht immer unterstützen, weil sie ihn nicht verstehen oder weil man selbst „unbequemer“ wird, wenn man mehr auf sich achtet.

Was mir Mut machte: Giger-Bütler nennt die Aspekte, die die Depression begünstigen, auch Ressourcen, die beim Weg hinaus hilfreich sein werden. Beharrungsvermögen, Ausdauer, Fokus.

Für mich fühlt sich dieser Weg, den er auch nur skizzieren kann, richtig an. Ich bemerke auch, dass mein Umfeld das nicht ungeteilt auch so sieht. Das macht es schwer. Aber ich denke, ich habe so vieles versucht, und ich hätte auch lieber eine „To do-Liste“, um die Depression abzuschütteln, aber das war nie der richtige Weg.

Josef Giger-Bütler: Sie haben es doch gut gemeint. Depression und Familie.

Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um das Buch zu Ende zu lesen. Allzuoft kamen mir bei der Lektüre die Tränen, weil ich mich so oft wiedererkannt habe.

Dies ist das erste Fachbuch, was ich zur Entstehung der depressiven Persönlichkeitsstruktur gelesen habe. Geiger-Bütler beschreibt sehr gut, wie die depressiven Muster in der Kindheit entstehen. Auch weist er immer wieder darauf hin, dass eine Depression etwas anderes ist als eine vorübergehende Verstimmung, Müdigkeit oder Traurigkeit als Folge bestimmter Umstände.

Vielmehr ist Kennzeichen das permanente nicht auf sich hören, sich überfordern, sich schuldig fühlen, dass man in der Kindheit gelernt hat als Reaktion auf die familiäre Konstellation.

Streckenweise ist es etwas mühsam zu lesen, weil viele Wiederholungen vorkommen. Für depressive Leser kann das aber auch von Vorteil sein, weil die Aufnahmefähigkeit in einer akuten Phase doch stark beeinträchtigt ist.

Ich finde das Buch sehr hilfreich, sowohl zum eigenen Verständnis der Depression wie auch der Tatsache, warum es so schwer ist, sich aus den alten Muster zu befreien. Ich würde es aber auch interessierten Angehörigen empfehlen, die einen Einblick in das Leben und Erleben eines depressiven Menschen suchen.

Die Handlungsmöglichkeiten kommen in diesem Buch für meinen Geschmack zu kurz. Dafür gibt es dann vom selben Autor „Endlich frei. Schritte aus der Depression“, das ich als nächstes lesen werde.

Im Grunde finde ich es auch angemessen, dieses schwere Thema nicht mit ein paar kurzen Absätzen abzuhandeln.

Mir war bis zur derzeitigen Episode nicht klar, dass ich eine lebenslange Aufgabe mit der Depression (aka „Dennis the Menace“) bekommen habe. Ich habe jede aktute Depression als Versagen, als Zusammenbruch erlebt, aus dem ich mich herausgekämpft habe, nach der ich aber nie die Stabilität erreicht habe, nach der ich mich so sehne.

Tatsächlich hatte bis jetzt niemand der Behandelnden den Mut, mir zu sagen, dass ich eine chronische Beeinträchtigung habe, die in Schüben immer wiederkehren kann und wird, als Reaktion auf die Selbstüberforderung und bestimmte Lebensumstände. Also ringe ich nach all den Jahren jetzt mit der Aufgabe, dies zu akzeptieren, die Depression als zu mir gehörig anzunehmen und mich zu lieben, auch wenn ich diese Anteile an mir nicht mag und kaum tragen kann.