W… wie Werther-Effekt

Ich weiss nicht, ob es Menschen gibt, die bei einer schweren depressiven Episode noch nicht an Suizid gedacht haben.

Es erscheint in den dunkelsten Stunden des Lebens als einziger Ausweg.

Schlimm, wenn Massenmedien dann den Suizid einer prominenten Person auf eine detaillierte Art und Weise beschreiben. Zu Recht verzichten verantwortungsvolle Medien auf Details, Glorifizierung und alles reißerische, um nicht Nachahmungen auszulösen.

Leider wurde wie so oft im Fall von Robin Williams diese Handlungsweise von verschiedenen auch seriösen Medien missachtet.

Sie sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein, die bereits gefährdete Menschen mitunter den letzten Impuls zur Tat geben kann.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat eine Empfehlung zur Berichterstattung über Suizid entwickelt, auf die gar nicht dringend genug hingewiesen werden kann!

Medienguide der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Ich selbst versuche übrigens, bei aller Anteilnahme nicht zuviel über einen prominenten Suizid zu erfahren. Die Berichterstattung über Robert Enke konnte ich erst in diesem Jahr überhaupt in Teilen lesen, in Nachfolge zum Tode von Andreas Biermann, und selbst da hat sie mich sehr erschüttert.

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S… wie Schuldgefühle

Depression ist nicht Deine Schuld!

Es ist eine Krankheit, und sie kann behandelt werden.

Sehr schöner Beitrag dazu auch hier bei The Militant Baker.

To feel guilt and shame about a neurological condition that has been out of your control isn’t necessary. That’s all. So release yourself from that shit, and maybe you’ll be able to focus your energy on what you want to see happen now.

S… wie Suizid.

Das wohl gefährlichste an der Depression ist die große Gefahr, dass erkrankte sich das Leben nehmen, weil sie keinen Ausweg mehr sehen. Weil der Schmerz zu groß ist, weil nichts zu helfen scheint, weil alles besser erscheint als so weiterleben zu müssen.

Heute war überall die Nachricht, dass Robin Williams sich vermutlich aufgrund seiner Depression das Leben genommen hat. Vergangenen Monat starb der Fußballspieler Andreas Biermann durch Suizid.

Beiden schien es von außen betrachtet gut zu gehen, nichts wirkte nach außen so ausweglos, wie sie es selbst empfunden haben müssen.

Es ist so unfassbar traurig, dass eine psychische Erkrankung tödlicher ist als der ähnlich heimtückische Krebs.

Ein Tabu, weil die meisten Menschen Angst haben, sterblich zu sein, über den Tod zu sprechen, einander beizustehen, wenn das Leben an den Rand gerät.

E… wie Enttäuschung

SAM hat meinen Geburtstag vergessen. Mein Vater hat sich gar nicht gemeldet. M hat, wie üblich, das Datum verpeilt, und Nick konnte wohl einfach nicht zur Party kommen, weil seine Probleme im Weg standen.

Ist es ein Zufall, dass mich vor allem Männer auf diese Weise enttäuschen? Klar habe ich auch mit Freundinnen immer mal Konflikte, aber eine Einladung einfach zu vergessen… das ist noch nie vorgekommen.

Und übrig bleibt für mich die Frage: bin ich Euch wirklich wichtig? Liegt Euch an mir? Passieren solche Dinge, wenn einem jemand wirklich am Herzen liegt?

N… wie Notfallhilfe

Habt Ihr so etwas?

Eine Telefonnummer, die Ihr Tag und Nacht wählen könnt? Eine Fachperson, die in Notfällen erreichbar ist? Eine Freundin, die man auch nachts um drei anrufen kann?

Was tut Ihr, wenn alles zusammenbricht?

In Notfällen verengt sich mein Blick. Ich verliere den Kontakt, die Perspektive, den Anker zu allem hilfreichen.

Ich wünsche mir jemanden, den ich kenne, den ich in Notsituationen anrufen kann. Die mich gut genug kennt um zu wissen, was hilft und was nicht. Der ich nicht aufwendig erklären muss, was mit mir los ist. Jemanden, der vorbeikommt, meine Hand hält, wartet, bis ich einschlafen kann.

Ich habe Angst, die wenigen Menschen, die von dem Ausmaß meiner Krankheit wissen, zu überlasten. Ihnen Angst zu machen, wenn ich von der Sinnlosigkeit meines Lebens spreche. Ihre Hilflosigkeit zu spüren, da sie mir doch helfen wollen und es nicht können. Ihre Ratschläge zu ertragen, die doch den Kern der Krise nicht treffen.

Ich wünsche mir manchmal, die Verantwortung für mich, nur ein klein wenig, abgeben zu können. Dabei ist mir meine Autonomie mindestens genauso wichtig, ich kann es nicht ertragen, wenn über mich hinweggegangen wird. Unselige Widersprüche, die es so schwer machen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszudrücken.

Im Grunde will ich Mama und Papa, die alles gut machen. Die auf eine ungekannte, aber immer ersehnte Art wissen, was zu tun ist, und mir die ewige Last der Verantwortung für alles von den Schultern nehmen.

W… wie Weinen

Weinen. Zulassen, dabei gesehen zu werden.

Immer wieder die Augen schließen, die Hand vors Gesicht, als könnte ich mich dahinter verstecken.

Ich schäme mich noch immer für meine Tränen, für meine Krankheit, für mein „Versagen“ gegenüber der Depression.

Es ist schwer. Es ist hart. Es ist eine Zumutung.

Aber „ich will diesen Weg zu Ende gehen und ich weiß, wir werden die Sonne sehen!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten!“ (Rio Reiser)

S… wie Schokolade

Viel Schokolade. Vergesst das mit dem Serotoninspiegel, soviel Schokolade kann kein/e Depressive/r essen.

Nicht, dass man es nicht versuchen würde.

Dann hat man zusätzlich noch Gewichtsprobleme und mal was anderes, um dass man sich Sorgen machen kann.

Manchmal wünschte ich, ich würde bei Stress den Appetit verlieren statt ständig kurz vorm Heulen zu sein und die Abende nur mit Schokolade und/oder Alkohol herumzukriegen.

Ü… wie übernommen

Ich glaube, ich habe das mit dem Sozialleben in letzter Zeit übertrieben und hänge deswegen ganz schön in den Seilen.

Jede einzelne der Verabredungen war sehr schön und lustig. Alle zusammen hinterlassen allerdings große Müdigkeit. An der hat die Situation im Job natürlich auch ihren Anteil. Es wird zunehmend stressig und zeitlich immer enger. Und ich habe weniger denn je Spaß daran.

Dennoch will ich mir dadurch nicht ständig mein Privatleben ruinieren lassen, also habe ich alles wie geplant durchgezogen. Einschließlich Kuchenbacken für den Besuch. Dabei will ich im Grunde auf dem Sofa liegen und ins Nichts glotzen, wenn ich dafür nicht zu unruhig wäre.

Auf meinem Balkon sitzt gerade ein buntes Vögelchen und frisst meine einzigen Blüten. Weil es so niedlich ist, lasse ich es gewähren, obwohl die Blumen das einzig hübsche sind. Ich wusste gar nicht, dass Vögel auf Blumen abgehen 😀

G… wie Geduld

Geduld ist keine meiner Stärken. Mit mir selbst schon gar nicht.

Vom Kopf her habe ich schon vieles verstanden, was den Umgang mit der Depression betrifft, aber gefühlsmäßig ist es wahnsinnig schwer auszuhalten.

Die Traurigkeit, die Müdigkeit, das Gefühl des fehlenden Sinns in meinem Leben, die mangelnde Zufriedenheit, die Einsamkeit, die Ohnmacht.

Nichts davon kann und will ich wirklich akzeptieren, als zu mir gehörig betrachten. Ich will es loswerden, und weiss doch, dass der Kampf dagegen eher noch tiefer in die Depression führt.

Ich will immer noch funktionieren, immer noch will ich von allen gemocht werden, immer noch kämpfe ich um Anerkennung und Verstandenwerden, und kann mich selbst doch immer noch nicht akzeptieren wie ich bin.

„Das Grad wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.

Das ist so wahr, und trotzdem ziehe und zupple ich daran und bin verzweifelt, dass aus den kleinen Pflänzchen kein großer starker Baum wird.

R… wie Rückfall

Beruflich habe ich wieder mit J zu tun – den ich aus gegebenem Anlass eigentlich AJ (Arschloch Jörg) nennen wollte.

In den Meetings ging es gerade noch so, aber jetzt nimmt die Drehzahl wieder zu und wir mussten telefonieren und müssen uns auch bilateral treffen.

Mir geht es damit nicht gut. Ich dachte, ich hätte das verarbeitet, aber ich bin tatsächlich immer noch wahnsinnig wütend und verletzt.

Sein Verhalten erinnert mich wahnsinnig an das meines Vaters, auch wenn der mich natürlich noch viel viel tiefer verletzt hat und immer wieder verletzt.

Ich bin scheißwütend und möchte dringend jemanden von den beiden genauso verletzen. Sie würden es nicht verstehen.
Ich kann mit dieser Feigheit nicht umgehen, genauso mit der meiner Mutter, dabei finde ich meine Gefühle doch verständlich.

Ich merke, dass ich wieder schlechter schlafe und schlechter abschalten kann als noch vor ein paar Wochen.
Ich will AJ nicht in meinem Leben haben, und bin beruflich dazu gezwungen. Er arbeitet für meinen Hauptkunden, und niemand nimmt ihn mir ab.

Ich will einerseits cool tun, als mache es mir nichts aus, und andererseits will ich ihn vernichten. VERNICHTEN! VERNICHTEN! Die Rachefantasie hilft mir nicht wirklich, aber warum sollte ich cool tun, nur damit er es leichter hat und mein Stolz nicht leidet?

Herrje, es wäre schön, einfach einen normalen Mann kennenzulernen, der mich von diesem ganzen Scheiss ablenkt. Ist aber nicht in Sicht, auch wenn SAM immer wieder fragt.