Ungewohnt.

Das Gefühl, dass ich für meine Schwester da sein kann, nicht sie für mich.

So lange war sie in harten Zeiten mein Fels in der Brandung. Die zwar nicht wirklich weiß, wie eine Depression sich anfühlt, aber immer an meiner Seite steht.

Zur Zeit ist es umgekehrt. Merkwürdig. Einerseits bin ich froh, etwas von dem zurückgeben zu können, was sie mir immer gegeben hat, andererseits fühle ich die Hilflosigkeit so deutlich, und es ist so schwer, das auszuhalten.

 

Noch mal 20 sein

Diesen Wunsch habe ich im Grunde nicht. So toll war mein Leben mit 20 auch nicht, und irgendwann in dieser Zeit machte ich die erste Bekanntschaft mit der Depression, auch wenn ich sie nicht benennen konnte.

Mit dem, was ich heute weiß, noch mal 20 sein? Schon eher. Auch wenn es vielleicht schwer wäre, mit dem heutigen Wissen und Erfahrungsschatz noch mal am Anfang des eigenen Lebens zu stehen.

Noch mal 20 sein mit einem jungen Mann wie diesem? Auf jeden Fall! Waren die jungen Männer, als ich zwanzig war, auch so entzückend und ich stand mir nur selbst im Weg, oder hat die nächste Generation doch ihre Vorteile?

Auf jeden Fall wäre ich heuter abend gern noch einmal 20 gewesen. Für den Moment, für die Nacht, einfach so.

Besser.

  • Sport. Sport hilft fast immer. Ich werde bei den sommerlichen Temperaturen nur so faul, aber es hilft nichts: Sport MUSS.
  • Alternativen. Bewerbungen schreiben macht keine Laune. Aber es ist jetzt einfach dran.
  • Mit Freunden abhängen. Gar kein großes Programm, einfach Balkonien oder auf einer Decke im Park oder Essen gehen.
  • Dem inneren Kind Raum geben. Wenn es auf den Rummel darf, hat es an manchen Dingen einfach Spaß. Die paar Euro für Karrussel und anderen Quatsch sind gut investiertes Geld.
  • Abschalten üben. Das muss ich tatsächlich üben, damit mich der Stress nicht auffrisst. Das will ich nicht noch einmal erleben, also werde ich üben, auf Abstand zu gehen.

Auf und ab.

Warum folgt auf einen guten Tag so verlässlich ein Tag, der melancholisch endet? Gestern hatte ich viel Spaß, heute hatte ich einen guten Start, war produktiv bei der Arbeit, bin weniger zerstreut.

Weil ich mit Jörg telefonieren musste, dessen Stimme ich immer noch gern höre? Weil ich SAM getroffen habe, den ich nicht haben kann? Weil ich mir eine scheiß „romantic comedy“-Serie angesehen habe?

Oder weil das Teil der Depression ist? Weil ich an den elenden Job gefesselt bin? Weil die Arbeit kaum zu schaffen ist und ich mich kaum noch motivieren kann? Weil es eh kein bitte, danke, gut gemacht gibt? Weil die Idioten befördert werden? Weil drei enge Freunde von mir, die weiß Gott auch verkorkst sind, wieder neue Beziehungen haben? Wie machen die das? Was stimmt nicht mit mir, was mache ich falsch?

Ich wünschte, ich würde nicht glauben, dass es an mir liegt.

Ach Scheiße.

Ainsley Johnstone, Matthew Johnstone: Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Ich fand es immer schwer, anderen Menschen zu erklären, wie sich die Depression anfühlt. Wie sich mein Erleben verändert. Und ganz besonders, was ich mir von ihnen wünschen würde.

„Mit dem schwarzen Hund leben: Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren“ ist eine gute Grundlage, dem eigenen Umfeld eine Hilfestellung an die Hand zu geben.

Es ist so etwas wie ein Bilderbuch zur Depression – die von Winston Churchill als „Schwarzer Hund“ bezeichnet wurde.

Matthew Johnstone litt an einer Depression, seine Frau Ainsley war bei der Bewältigung eine Stütze. Seine Erfahrungen beschrieb Matthew im Buch „Mein schwarzer Hund: Wie ich meine Depression an die Leine legte“

Ich weiss nicht, warum ich das Buch für die Angehörigen besitze und nicht das für die Betroffenen. Ich habe es seinerzeit gekauft, als Geschenk verpacken lassen und in meinen Nothilfekoffer gelegt. Vielleicht war ich beim Kauf gerade in einer schweren Phase und unkonzentriert. Vielleicht war auch dieses Buch vorrätig und das andere nicht.

Ich würde es auf jeden Fall empfehlen für alle Menschen, denen es daran liegt, ein Grundverständnis für die Depression zu bekommen, ohne selbst betroffen zu sein. Die wesentlichen Aspekte sind kurz geschildert und mit einem eindringlichen Bild versehen für jeden verständlich. Ich würde sogar sagen, dass größere Kinder von diesem Buch profitieren können, wenn z.B. ein Elternteil an einer Depression leidet.

Klare Empfehlung für dieses Buch.

Zwischenwelt.

Mein Leben ist gerade nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut.

Die Depression beeinträchtigt mich zur Zeit auf eine andere Art. Ich bin zerstreut, unkonzentriert, vergesse Dinge, mache Fehler, lasse Sachen fallen, verletze mich, bin träge. Alles nicht sehr schlimm, aber doch sehr ungewohnt. Ich funktioniere doch sonst. Ich habe doch sonst alles im Griff. Ich mache doch keine solchen Fehler.

Vielleicht ist es an der Zeit, von meinen Ansprüchen an mich noch ein weiteres Stück loszulassen. Es fühlt sich nur so seltsam an, statt meinem Hirn ein Stück nasse Watte zu spüren. Zu merken, dass mir etliche Dinge gerade einfach scheißegal sind.

Die Arbeit ist unbefriedigend. Auf AJ zu treffen, macht mich – was eigentlich? Nervös, reizbar, in alten Hoffnungen schwelgend? Es gibt keine klare Beschreibung dessen, was ich erlebe, aber gut tut es mir nicht.

Etliche meiner Freunde erlebe ich gerade als unzuverlässig. Auch das tut mir nicht gut. Für den Kontakt mit neuen Menschen habe ich gerade keine Kraft.

Entscheidungen zu treffen, soweit sie mich persönlich betreffen, fällt mir sehr schwer. Wahrscheinlich ist es einfach nicht an der Zeit dafür. Einerseits möchte ich gerne frei sein, meine Pläne zu ändern, andererseits ist es auch doof, dann am Wochenende nichts vorzuhaben.

Zwischenwelt, nichts halbes und nichts ganzes, nächtliche Träume, die von Umzügen, Hausrat verbrennen, irgendwo nicht durchkommen handeln. Ich stehe immer wieder vor denselben Schwellen und kann sie doch nicht überschreiten.

Das zuzulassen und anzunehmen fällt mir reichlich schwer.

Gut.

Ein guter Tag. Ein schönes Wochenende. Viele schöne Momente, gute Freunde, Bewegung, Sonne, Licht und Luft.

Kraft getankt. Ich weiss, ich werde sie brauchen können, aber daran will ich jetzt nicht denken.

Es war gut, und ich freue mich darüber.

Kampf gegen den Dämonen

Alkohol.
Zigaretten.
Schokolade.

Alles, um nicht denken und grübeln zu müssen.
Alles hilft nur auf Zeit. Es dämpft, es löst keine Probleme.

Was würde helfen? Ich weiß es nicht.

Was muss sich ändern? Auch das weiss ich nicht.

Ich fühle mich einsam. Was hilft dagegen?

Ich kann die Traurigkeit nicht aushalten, nicht nüchtern. Ich will glücklich sein. Ich will nicht alleine sein.
Ich kann das Glück der anderen kaum ertragen.

Die Zweifel, die Fragen, was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich allein? Was kann ich tun? Muss ich mich „dem Schicksal“ fügen?