Frederic F. Flach: Depressionen als Lebenschance. Seelische Krisen und wie man sie nutzt.

Spoiler Alert: Der Titel ist Humbug.

Ich habe eine Ausgabe von 2000, die ich mir vor etwa zehn Jahren angeschafft aber nie wirklich gelesen habe.

Der Autor ist (war) Professor der Psychiatrie und Psychiater. Die erste amerikanische Auflage stammt aus 1974.

Man erfährt einiges über die Entstehung von Depressionen (die Flach in akute und chronische unterscheidet) als „normale“ Reaktion auf belastende Umstände und als krisenhaftes Zeichen dafür, dass man sich in einer sogenannten „Lebensfalle“ befindet.

Wie in allen us-amerikanischen Büchern gibt es immer wieder kurze Patientengeschichten in anonymisierter Form, die in dieser deutschen Übersetzung dann liebevoll den hiesigen Verhältnissen angepasst werden (Johanna, Alfred, Harald, Susanne – meine besonderen Lieblinge waren das Ehepaar aus dem Ruhrgebiet (!) und jenes, das ins Allgäu (!) zog). Mich stören diese Stories sehr, aber manche Leser/innen mögen das wohl.

Aus meiner Sicht ist Flachs Sicht der Depression ziemlich unscharf, nicht nur, weil (auf deutsch) oft von „deprimiert“ die Rede ist, sondern weil vieles, was er bereits als Depression begreift, eher eine Trauer- und Verlustreaktion auf konkrete Erlebnisse bezeichnet.

Auf jeden Fall ist das Buch eine Mogelpackung – zugegebenermaßen habe ich nur Kapitel 1-6 und Kapitel 19 gelesen, den Rest nur kursorisch:
Wie man seelische Krisen nutzt, wird überhaupt nicht angesprochen. Sehr allgemein werden eher philosophische Sichten auf Leben und Leiden erörtert, aber was den Unterschied macht zwischen Menschen, die ihr Leiden verarbeiten können, und solchen, die mit schweren Depressionen darauf reagieren, wird nicht deutlich. Konkrete Handlungsansätze werden nicht aufgezeigt. Man kann einiges über die eigenen Reaktionen durch die Lektüre lernen, sich vielleicht auch einige unbequeme Fragen stellen – aber das ist für ein Buch, dass eine „Lebenschance“ verspricht (englisch: The Secret Strength of Depression“) in jedem Fall zu wenig.

Abgesehen davon ist der angloamerikanische Schreibstil in diesem Fall sehr sperrig. Es mag an dem altmodischen Deutsch der Übersetzung liegen, an den fehlenden Untergliederungen oder eben den eher allgemeinen Betrachtungen.

Mein Urteil: entbehrlich.

Josef Giger-Bütler: Endlich frei. Schritte aus der Depression.

Endlich habe ich das Buch beenden können. Ich konnte immer nur ein paar Seiten lesen, weil es mir so nahe ging.

Ich habe erst ab Kapitel 5 gelesen, weil ich ja die Analyse der Ursachen der Depression aus „Sie haben es doch gut gemeint“ kannte.

Der Stil des Autoren ist manchmal mühselig, weil er so auf Wiederholungen ausgelegt ist. Das ist Teil des Konzeptes, denn weil es sich an depressive Menschen richtet, soll die stete Wiederholung die Sensibilisierung erhöhen und das Verstehen für das eigenen Leid.

Langsamkeit. Annehmen. Verstehen. Kleine Schritte, und auch die nur, wenn es sich richtig anfühlt.

„Was will ich? Will ich das wirklich? Will ich das jetzt?“

Das sind kurz gesagt die zentralen Ansätze, die Giger-Bütler nennt, um Schritte aus der Depression zu unternehmen. Er weiss aber auch, dass gerade dies für einen depressiven Menschen fast unmöglich ist, der doch darauf trainiert ist, zu funktionieren, fremde Bedürfnisse zu erfüllen und seine eigenen nicht zu spüren.

Ich habe so viele der Sätze als wahr für mich erkannt, dass ich mir vorkomme wie die Depressive aus dem Lehrbuch.

Es ist sehr schwer, anzunehmen, dass der Weg so mühselig und schwer ist, dass Rückschläge drohen, dass auch freunde und Familie diesen Weg nicht immer unterstützen, weil sie ihn nicht verstehen oder weil man selbst „unbequemer“ wird, wenn man mehr auf sich achtet.

Was mir Mut machte: Giger-Bütler nennt die Aspekte, die die Depression begünstigen, auch Ressourcen, die beim Weg hinaus hilfreich sein werden. Beharrungsvermögen, Ausdauer, Fokus.

Für mich fühlt sich dieser Weg, den er auch nur skizzieren kann, richtig an. Ich bemerke auch, dass mein Umfeld das nicht ungeteilt auch so sieht. Das macht es schwer. Aber ich denke, ich habe so vieles versucht, und ich hätte auch lieber eine „To do-Liste“, um die Depression abzuschütteln, aber das war nie der richtige Weg.

Mal so… mal anders…

Es schwankt. Einige Momente sind gut, einige sind erträglich. Der Rest ist Erschöpfung, Müdigkeit, Ratlosigkeit.

Es dauert, es dauert, es dauert. Ich spüre kaum Kraft und wenig Freude.

Gestern war ich bei einer Freundin im Garten und habe ein wenig mitgeholfen, das Dickicht zu lichten. Das tat gut. Ich habe überhaupt keinen grünen Daumen, aber Unkraut jäten, abgestorbene Blätter entfernen und ein bißchen herummurksen, das kann ich. Der Garten ist ein rechtes Paradies, es blühen viele schöne Dinge, und die Ordnung wirkt natürlich, wenn auch etwas chaotisch.

Heute strahlt die Sonne wieder, aber ich kann mich nicht einmal dazu bringen, den Schlafanzug abzulegen und duschen zu gehen. Die Pflanzen auf meinem Balkon, die mir eine Freundin geschenkt hat, Kresse, die wunderhübsch blühen soll, ist von Ameisen befallen. Die legen tatsächlich Nester unter den Blättern an.

Ich bin nicht bereit, die chemische Keule zu schwingen, aber zur biologischen Schädlingsbekäpmfung bin ich auch nicht in der Lage. Leider. Ich hatte mich gefreut, dass mein Balkon endlich einmal hübsch aussehen würde.

Also werde ich die Kresslinge in einen der regionalen öffentlichen Gärten bringen und in die Freiheit entlassen. Dort können die Ameisen dann ihren nützlichen Tätigkeiten nachgehen und die Pflanzen leben.

Es ist so schade. Es fühlt sich wieder an wie ein Symbol, dass die kleinen Veränderungen, die ich versuche, um mein Leben positiver zu gestalten, immer vergeblich sind.

Ich weiss, das ist Quatsch. Aber gegen die kleinen Mühseligkeiten des Alltags vermag ich mich nicht zu stemmen. Es geht einfach nicht. Ich kann nicht rausfinden, wo die Ameisen herkommen, kann keine Straße erkennen und weiss demzufolge auch nicht, wo ich ansetzen sollte. Ich könnte natürlich die Eier jeden Tag per Hand entfernen, aber das erscheint mir auch sinn- und planlos. Vielleicht sind Pflanzen und ich nicht füreinander geschaffen.

Das schöne Wetter fühlt sich auch eher wie Druck an, doch etwas „sinnvolles“ mit dem Tag anzufangen. Rauszugehen, die Sonne zu genießen, mich zu bewegen. Aber es überfordert mich.

Ich finde es ungemein schwer, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn, im Alltag „zu funktionieren“. Ich möchte drinnen bleiben und dass die Zeit stehen bleibt, bis ich wieder bereit bin, am Leben teilzunehmen. Aber die Zeit läuft unerbittlich weiter, gegen mich, gegen die Geduld, die ich doch haben möchte, damit es besser wird.

N… wie Notfallhilfe

Habt Ihr so etwas?

Eine Telefonnummer, die Ihr Tag und Nacht wählen könnt? Eine Fachperson, die in Notfällen erreichbar ist? Eine Freundin, die man auch nachts um drei anrufen kann?

Was tut Ihr, wenn alles zusammenbricht?

In Notfällen verengt sich mein Blick. Ich verliere den Kontakt, die Perspektive, den Anker zu allem hilfreichen.

Ich wünsche mir jemanden, den ich kenne, den ich in Notsituationen anrufen kann. Die mich gut genug kennt um zu wissen, was hilft und was nicht. Der ich nicht aufwendig erklären muss, was mit mir los ist. Jemanden, der vorbeikommt, meine Hand hält, wartet, bis ich einschlafen kann.

Ich habe Angst, die wenigen Menschen, die von dem Ausmaß meiner Krankheit wissen, zu überlasten. Ihnen Angst zu machen, wenn ich von der Sinnlosigkeit meines Lebens spreche. Ihre Hilflosigkeit zu spüren, da sie mir doch helfen wollen und es nicht können. Ihre Ratschläge zu ertragen, die doch den Kern der Krise nicht treffen.

Ich wünsche mir manchmal, die Verantwortung für mich, nur ein klein wenig, abgeben zu können. Dabei ist mir meine Autonomie mindestens genauso wichtig, ich kann es nicht ertragen, wenn über mich hinweggegangen wird. Unselige Widersprüche, die es so schwer machen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszudrücken.

Im Grunde will ich Mama und Papa, die alles gut machen. Die auf eine ungekannte, aber immer ersehnte Art wissen, was zu tun ist, und mir die ewige Last der Verantwortung für alles von den Schultern nehmen.

Geduld, mein Schatz, Geduld

Die Depression hat sich wieder in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gedrängt. Ich lebe schon so lange mit ihr, ich dachte, die wäre jetzt erwachsen und könnte auf eigenen Füßen stehen, aber sie benimmt sich wie ein störrisches Kleinkind, das Aufmerksamkeit braucht.

Ein paar Tage lagen in großer Dunkelheit. Jetzt, da ich beschlossen habe, mich der Depression zu stellen, zu akzeptieren, dass es anders nicht weitergeht, ist es etwas besser. Ich vermag wieder zu glauben, dass die Depression meinen Blick verengt, alles schwarz und aussichtslos erscheinen lässt, hoffnungslos und oh so anstrengend.

Aber ich glaube daran, dass dies wieder vorbeigehen wird. Ich verzweifle fast an der Sorge, dass ich niemals glücklich werden könnte, dass ich immer mit dieser Behinderung leben muss, dass alles so zerbrechlich ist und mich die Schmerzen zu zersprengen drohen.

Aber ich werde nicht aufgeben, nein.

Es ist nur eine Art, die Dinge wahrzunehmen. Die Depression zeigt nicht die Wahrheit, auch wenn das Gefühl so vertraut ist. Es ist nur ein Aspekt meines Lebens, und vielleicht sogar eine Krise auf dem richtigen Weg.

Mut, meine Liebe, hab Mut und Zuversicht.

W… wie Weinen

Weinen. Zulassen, dabei gesehen zu werden.

Immer wieder die Augen schließen, die Hand vors Gesicht, als könnte ich mich dahinter verstecken.

Ich schäme mich noch immer für meine Tränen, für meine Krankheit, für mein „Versagen“ gegenüber der Depression.

Es ist schwer. Es ist hart. Es ist eine Zumutung.

Aber „ich will diesen Weg zu Ende gehen und ich weiß, wir werden die Sonne sehen!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten!“ (Rio Reiser)

HÖRT DAMIT AUF!

Würdet Ihr einem Hungernden sagen, dass Essen auch nicht alle Probleme löst??

Warum muss ich dann so oft hören, dass man in Beziehungen auch nicht immer glücklich ist, harte Arbeit, Kompromisse, blabla?

Meint Ihr echt, ich wüsste das nicht, ich würde wirklich denken, damit wären alle Probleme gelöst?

Fucking hell, nein! Aber ich verhungere eben.