Einmal richtig ausfallend werden.

Kann ich nicht. Können Depressive sowas? Mal richtig herzhaft sauer sein und das auch rauslassen?

Meine Wutschwelle liegt sehr sehr hoch. Ich fresse alles in mich hinein bis ich platze. Dann, und nur dann kann es mal richtig laut werden.

Oft merke ich aber auch vorher gar nicht, was mir auf der Seele liegt, was ich mit mir machen lassen, wie Menschen über meine Grenzen hinweggehen, ohne dass ich mich dagegen wehre. Oft bleibt nur ein Unwohlsein, das sich manchmal selbst hinterher nichtso einfach auflösen und erklären lässt. Da sind die Gespräche mit Freunden manchmal hilfreich, um der Ursache auf den Grund zu gehen.

Aber einfach mal so richtig wütend werden? Und wohin dann mit der Wut? Die Betreffenden zu verprügeln scheint nicht angezeigt, mit Dingen werfen und für mich alleine herumschreien, bringt auch keine Erleichterung, und mit vielen Menschen kann man sich auch gar nicht wirklich streiten in dem Sinne, dass hinterher irgendetwas herauskommt.

Fuck.

Nach fest kommt lose.

Sehr abwechslungsreich geht es zu, meine Stimmung wechselt oft zwischen „eigentlich ganz zuversichtlich“ und „das lohnt doch alles nicht“ und „kann mich mal jemand in den Arm nehmen“. Die gute Nachricht ist, dass ich überhaupt ab und zu wieder etwas zum lachen habe und an Dingen Anteil nehmen kann. Umso schlimmer ist es dann, wenn, ohne dass ich den Gedankensprung so schnell überhaupt wahrgenommen habe, die Nase anfängt zu kribbeln und mir die Tränen in die Augen steigen. Stabil ist was anderes.

Immerhin, ich lebe, ich gehe einkaufen, ich koche sogar ab und an und esse das dann auch und finde es sogar lecker. Ich gehe zu nicht allzu später Stunde ins Bett und treibe weiter Sport. Ich war gestern bei schönstem Herbstwetter sogar spazieren und habe den Test gemacht, ob wirklich außer mir nur Paare und Familien unterwegs sind. 11 einzelne Frauen und 5 einzelne Männer sind mit immerhin begegnet, bei ca. 100 Personen, die ich unterwegs getroffen habe. Nicht viel, aber immerhin.

F… wie Familie

Mutter, Vater, Schwester wissen von meiner Depression. Darüber gesprochen wird allerdings nur, wenn ich darauf zu sprechen komme. Meine Eltern sind die Meister des Unter den Teppich-Kehrens. Da kann der Berg schon bis zum Himmel stinken, sie wollen (oder können) es einfach nicht sehen. Vielleicht, weil sie sonst auch auf ihren Anteil daran, ihre Verantwortung blicken müssten.

Ihr Versagen, ihr Schweigen, ihre Abwesenheit in meiner Kindheit und Jugend.

Wenn ich sie nicht zu einer Positionierung zwinge, ist alles „gut“, „normal“, „läuft doch“. So war das immer, aber so kann das von meiner Seite aus nicht bleiben.

Wenn sie wirklich weiter in Kontakt mit mir sein wollen, müssen sie sich doch mal selbst mit dem Thema beschäftigen. Ich habe ein sehr gutes Buch gelesen, das die Zusammenhänge anschaulich darstellt. Ich habe es selbst nur etappenweise und unter Tränen lesen können, weil es so schmerzhaft wahr ist.

Ich habe es im Internet bestellt und Vater und Mutter schicken lassen. Wenn sie es lesen und dann reden wollen, gut. Wenn nicht, sehe ich das als Verweigerung des Gesprächs. Dann werde ich das Kapitel wohl endgültig schließen.

S… wie Schlechtes Gewissen

Schlechtes Gewissen. Eine der Königsdisziplinen der Depressiven.

Weil ich krank bin und nichts „leiste“.

Wenn ich meine Arbeit nicht schaffe, von der Menge her, nicht in der Qualität, die ich von mir erwarte, weil ich Fehler mache.

Weil es mir einfach nicht besser geht, obwohl so viele Menschen versuchen, mir zu helfen.

Weil ich nicht arbeiten bin, obwohl ich nicht bettlägerig oder ansteckend bin.

Weil ich überhaupt nichts schaffe, die Zeit verrinnt einfach. Dabei „müsste ich doch nur“, „sollte ich doch“, „könnte ich doch mal eben“. Geht alles gerade nicht, jeder Vorsatz erstirbt schon beim Gedanken daran.

Ich bekomme es auf die Reihe, mich anzuziehen, zu essen, zum Arzt zu gehen, nicht allzuspät ins Bett zu gehen, zu schlafen, einzukaufen, ab und zu mit Freunden zu sprechen, zum Sport zu gehen. Ganz schön viel in einer akuten depressiven Phase. Und dennoch immer das Gefühl, ich täte nicht genug, ich müsste viel mehr tun, um der Depression Herr zu werden.

Dabei sind die Expertinnen und ich der Meinung, dass es eigentlich um das Weniger geht, um weniger Druck, weniger Anspannung, weniger „Du musst“. Darum, Dinge nicht zu tun, die ich normalerweise von mir erwarten würde, wie funktionieren, lächeln, wenn mir nicht danach ist, arbeiten, obwohl ich mich schrecklich fühle und gar keine Kraft habe.

Das Schlechte Gewissen sitzt mir immer im Nacken.

A… wie Arbeit

Arbeit ist gut, oder? Arbeitslosigkeit wider Willen kann auf jeden Fall ein (zusätzliches) Tief befördern. Die fehlende Perspektive, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, die ewigen Absagen…

Ebenso kann einen permanente Unterforderung im Job krank machen. Langeweile, die man kaschieren muss, Frustration, weil man doch soviel mehr kann und etwas sinnvolles machen möchte…

Und dann die permanente Überforderung: zuviel Arbeit, zuviel Verantwortung, permanenter Einsatz mit oder ohne Anerkernnung der Vorgesetzen, keine Aussicht auf Abhilfe…

Wie hält man sich diese Stressoren vom Leib, wenn man erzogen ist, zu glauben, nur wer etwas leistet, sei auch etwas wert? In einer Gesellschaft, die darauf beruht, dass wir alle so ticken und auch funktionieren?

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeiten kann, wenn ich Fehler mache, wenn ich nicht so belastbar sind, wie meine Chefs es von mir kennen?

Und dann diese nagenden Zweifel, ob ich mein Gehalt überhaupt verdiene, weil ich doch immer noch viel mehr tun könnte (und müsste) als ich es tue. Wenn ich nicht 150% funktioniere, fühle ich mich oft schon als „Versager“.

Wenn ich die Kraft schon längst nicht mehr habe, stecke ich all meine Energie noch immer in die Arbeit. Auch wenn ich dann nach Feierabend und am Wochenende so erschöpft bin, dass ich mich überhaupt nicht mehr regenerieren kann.

Ich bin ich. Ich hasse meine Mutter.

Ich habe eine Depression und das seit vielen Jahren. Es fällt mir schwer, mich damit anderen anzuvertrauen, selbst „anonym“ im Netz. Ich schäme mich, weil mich immer wieder depressive Episoden einholen, weil ich trotz aller Versuche nicht „gesund“ werde, weil ich gerade nicht in der Lage bin, den kompletten Alltag auf die Reihe zu bekommen, weil es einfach nicht besser wird.

In den Phasen zwischen den depressiven Episoden bin ich ganz anders, aktiv, dem Leben zugewandt, stark, unternehmungslustig, pflegeleicht.

Beides gehört zu mir, aber die dunkle Seite kann ich noch immer nicht annehmen. Ich schäme mich, ich muss weinen, manchmal kann ich sogar wütend werden, was meine Umwelt mir angetan hat, aber die meiste Zeit fühlt es sich an wie Sisyphus: permanent schiebe ich den großen Stein der Depression vor mir her, nur damit er auf der anderen Seite wieder herunterrollt und die Aufgabe wieder von vorn beginnt.